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Hat alles seinen Preis?
zum Wochenabschnitt WAJIKRA
(Wajikra/Levitikus 1:1 – 5:26)

Was kostet eine Sünde? Auf den ersten Blick liest sich diese Parascha wie eine Preisliste für die Aussöhnung mit Gott. Was darf man alles so treiben für das Ganzopfer eines Stieres, was für eine Ziege und wofür reichen ein paar Vögel? Welchen Preis hat es, bestimmte Ge- und Verbote zu missachten? Der Text führt uns weit zurück in eine Zeit, in der es allgemein Brauch war, Göttern und Gottheiten zu opfern. Auch den Israeliten war das selbstverständlich.

In ihrer Geschichte als Volk haben sie in diesem Wochenabschnitt bereits ein neues Stadium erreicht: Sie haben ein eigenes Heiligtum – das Stiftszelt. Es ist fertig, aufgebaut und betriebsbereit. Was fehlt ist eine Art Gebrauchsanweisung. In diesem Text haben wir sie. Regeln werden eingeführt. Rituale sollen das Besondere, als "heilige" Handlung von den bloß willkürlichen oder alltäglichen Handlungen trennen. Das gilt vor allem für das rituelle Opfer. Es muss sich vom gewöhnlichen Schlachten und Zubereiten von Speisen unterscheiden. Was also DARF man Gott darbringen, zu welchem Anlass, von wem, zu welchem Zweck und – auch – zu welchen Kosten?

Aber hat das etwas mit uns zu tun? Das Stiftszelt ist seit König Salomo Vergangenheit, und der Tempel, der es ersetzt hat, ist seit bald 2000 Jahren Geschichte. Seitdem prägen nicht mehr die Priester und ihre levitischen Helfer das Judentum, sondern die Schriftgelehrten und Rabbiner. Da nur an dem einen Heiligtum geopfert werden durfte , gibt es heute keine Opfer von Stieren, Ziegen oder Feldfrüchten mehr - in keiner der zahlreichen jüdischen Strömungen. Unserer Parascha zufolge hat aber Gott diese Regeln für den Opferdienst verordnet. Braucht er diese Opferspeisen? Was tun?

Manche Menschen stellen sich Gott (oder ihre Götter) sehr schlicht und arg menschlich vor. Für sie ist Gott ein Wesen, das irgendwo 'da oben' lebt, das wie sie selbst hungrig ist und Nahrung benötigt. Deshalb tötet und schlachtet man hier auf der Erde auf einem besonderen Tisch: einem Altar. Und was passiert nach dieser Vorstellung? Die Lebenskraft verlässt das Tier und kehrt irgendwie zurück an die 'Quelle des Lebens'. Das Fleisch des Opfertiers essen die Menschen entweder selber oder verbrennen es. Dann steigt es als Rauch der Schwerkraft entgegen gen Himmel.

Was dachte man damals darüber, vor – sagen wir mal – 3500 Jahren ? Die Menschen wussten, dass sie nicht die mächtigsten Wesen des ihnen bekannten Universums waren. Sie spürten die Präsenz einer größeren Macht, erlebten sie, gaben ihr Namen und beschrieben sie – und sie versuchten mit dieser anderen Dimension in einen ehrfurchtsvollen Kontakt zu treten. Sie erzählten sich Geschichten, entwickelten Mythen und deuteten Naturphänomen. Und sie glaubten, dass nicht nur sie auf Erden von dieser große Macht abhängig seien, sondern diese irgendwie auch von ihnen. Sie fürchteten, ihr Gott könnte verhungern und sie dann nicht mehr schützen. Oder sie sorgten sich, er könnte missmutig, schlecht gelaunt oder gar wütend werden. Speisen, Getränke und Geschenke sollten ihn gnädig stimmen. Dafür waren sie bereit, vieles herzugeben – zu opfern, sogar die eigenen Kinder .

Die Propheten haben gegen solche Vorstellungen von Gott gekämpft. Gott ISST nicht, im Gegenteil: „Wozu mir die Menge eurer Opfer? spricht der Ewige. Ich bin satt der Ganzopfer … und das Blut … begehr’ ich nicht.“   Die Rabbinen des Talmud hofften zwar, dass der Tempel wieder errichtet werde, hatten aber gelernt, dass Gebet, Torastudium und Befolgung der Gebote einen höheren Wert haben als Schlacht- und Brandopfer. 

Gott braucht also keine Opfer. Sie dienen den Menschen. Sie sind eine Form des Gebets. Das Opfer soll den Menschen ändern, sein Tun, sein Denken. Wer sich – damals – von etwas so Wertvollem wie einem gesunden Tier trennte, sollte sich daran erinnert fühlen, dass er ein Teil der Schöpfung ist – ein Geschöpf: Er ist frei aber nicht völlig unabhängig. Es gibt höhere Werte als sein Vermögen. Das Opfer soll den Menschen großzügiger und weniger gierig machen. Deshalb  war es damals nicht wichtig, ob der Beter ein Schaf oder ein paar Vögel  brachte oder sogar nur ein wenig Mehl. Wichtig war, dass er ETWAS brachte, was ihm existentiell wertvoll war.

Denn das Opfer war auch eine Form der Buße oder der Sühne für Ignoranz und Fehler. Jeder konnte und kann Fehler begehen, weder ein Priester noch eine Gemeinde, ein Fürst oder ein einzelner gewöhnlicher Mensch waren davon frei, noch sind sie es heute. Fehler müssen wieder in Ordnung gebracht werden, Unrecht muss gesühnt werden, und selbst dann, wenn es nur aus Versehen geschehen ist. Kein Opfer aber kann als Kaufpreis gelten für ein Fehlverhalten, dass man vorsätzlich begangen hat und für das man keine Reue empfindet, oder vorsorglich, für zukünftige Fehler.

Ein Opfer konnte auch eine Form des Dankes sein für etwas, das man ohne Hilfe, „Glück“ und Gnade nicht erreicht hätte: ein Gewinn, ein neuer Kontakt, eine Berechtigung, ein Sieg, was auch immer. Auch dafür sollte man wissen, wie dieser Dank angemessen ausgedrückt werden kann.

In diesem dritten Buch der Tora lesen wir über viele Details: Was und wie man das Stiftszelt benutzen soll, welche Infrastruktur bestehen soll, wie es ausgestattet ist, wie das Zelt, die Vorhänge, Altäre, Leuchter und Schüsseln auszusehen haben und wie man alles richtig zu nutzen hat.

Die Geschichte mit dem Volk Israel ist später in der Diaspora ohne Stiftszelt und Tempel weiter gegangen. Sie hat die alten Opferrituale überholt. Aber nicht das Opfer an sich. Wir opfern heute anders: Wir bringen Zeit auf, ohne dafür entlohnt zu werden, wir arbeiten – neben unserer Berufsarbeit – für Zwecke, die ohne unser freiwilliges und kostenloses Engagement nicht erfüllt werden würden. Wir wenden Schweiß auf, geben Geld, bemühen uns und investieren unsere Liebe. Jedenfalls sollten wir es. Die Idee bleibt dieselbe - "Die Welt existiert nicht für mich allein - das darf ich niemals vergessen."
 

Landesrabbiner Dr. Walter Rothschild
(veröffentlicht im Nissan 5771 / April 2011)

(Mehr Anmerkungen zu den Texten finden Sie im ARCHIV)

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